Hauptstadt, Pyramiden, Kolonialstädte und Küste · 2001 bis 2009
Mexiko war für mich fast ein Jahrzehnt lang mehr als ein Reiseziel. Zwischen 2001 und 2009 kamen Maricela und ich jedes Jahr über Weihnachten für zwei bis drei Wochen nach Mexiko. 2008 bauten wir dann ein Haus in Tequisquiapan auf dem Golfplatz. Diese sieben Collagen sind die Kurzfassung davon: die Hauptstadt, die alten Pyramiden, die Kolonialstädte im Hochland, der Süden mit den Maya-Stätten, der Pazifik — und am Ende die Navidad.
Angefangen hat alles im Zentrum von Mexiko-Stadt. Der Zócalo, offiziell Plaza de la Constitución, ist einer der grössten Stadtplätze der Welt; in der Mitte die riesige Nationalflagge, an der Nordseite die Catedral Metropolitana, ringsum der Nationalpalast und die Regierungsgebäude. Ein paar Strassen weiter der Palacio de Bellas Artes, ein weisser Marmorkasten am Rand der Alameda Central, davor die Marktstände und die grünen VW-Käfer-Taxis, die es damals noch zu Tausenden gab. Vom Turm der Torre Latinoamericana sieht man, wie diese Stadt einfach nicht aufhört. Und im Dezember steht auf jedem Platz ein Weihnachtsbaum aus Nochebuenas, den Weihnachtssternen, die hier draussen wachsen.
Das andere Mexiko-Stadt liegt ausserhalb des Zentrums. Coyoacán im Süden mit seinen niedrigen Kolonialhäusern, den Plätzen voller Tauben und der Eisdiele Tepoznieves, wo es Sorten gibt, die man sich nicht ausdenken kann. Chapultepec mit dem See und den Tretbooten, dem Wald mitten in der Stadt. Xochimilco mit den Trajineras, den bunt bemalten Kähnen auf den letzten Kanälen der alten Seenlandschaft — bis heute UNESCO-Welterbe, zusammen mit dem historischen Zentrum. Und La Villa, die Basilika von Guadalupe, der grösste Wallfahrtsort Lateinamerikas: die alte Basilika, die schief im weichen Untergrund steht, und daneben der moderne Rundbau von Pedro Ramírez Vázquez, in dem Zehntausende Platz finden.
Eine knappe Autostunde nordöstlich der Stadt liegt Teotihuacán, und man versteht sofort, warum die Azteken es «Ort, an dem die Götter geboren wurden» nannten — als sie hierher kamen, lag die Stadt schon Jahrhunderte in Ruinen, und niemand wusste mehr, wer sie gebaut hatte. Die Strasse der Toten, die Sonnenpyramide, die Mondpyramide, und am Tempel der Gefiederten Schlange die steinernen Quetzalcóatl-Köpfe, die aus der Fassade wachsen. In Tula, weiter nördlich, stehen die Atlanten auf der Pyramide B, vier toltekische Kriegerfiguren aus Basalt. Und in Cholula bei Puebla liegt die grösste Pyramide der Welt — nach Volumen, nicht nach Höhe — so vollständig überwachsen, dass die Spanier sie für einen Hügel hielten und oben eine Kirche daraufsetzten. Sie steht heute noch dort.
Die Kolonialstädte des Hochlands sind das genaue Gegenteil der Hauptstadt: klein, überschaubar, um einen einzigen Platz herum gebaut. Taxco, die Silberstadt in Guerrero, klettert einen Hang hinauf, weisse Häuser mit roten Ziegeldächern, und mitten drin die rosa Türme von Santa Prisca. Puebla mit seinen Talavera-Kacheln. Tequisquiapan im Bundesstaat Querétaro, wo ich später mein Haus bauen sollte, empfängt einen mit einem gemalten Torbogen. San Miguel de Allende hat die neugotische Parroquia, die nachts angestrahlt wird und aussieht wie eine Sandburg. Und in Querétaro die kastenförmig geschnittenen Bäume auf dem Jardín Zenea, unter denen abends die halbe Stadt sitzt.
Auf der Halbinsel Yucatán dann die Maya. Chichén Itzá mit El Castillo, der Kukulkán-Pyramide, deren Treppen zur Tagundnachtgleiche einen Schattenwurf erzeugen, der wie eine Schlange die Stufen hinabkriecht. Daneben das runde Observatorium El Caracol, der Tempel der Krieger mit seinem Säulenwald und das grösste Ballspielfeld Mesoamerikas — und die Totenköpfe des Tzompantli, die in den Stein gehauen sind. Tulum ist das andere Extrem: kleiner, jünger, aber auf einer Klippe direkt über dem türkisfarbenen Karibikwasser. Die einzige Maya-Stadt, die man vom Meer aus sieht.
Im Dezember 2005 ging es an den Pazifik nach Acapulco. Die Bucht von oben, die Hochhäuser am Strand, ein Haus am Hang mit Pool und Blick über das ganze Rund, Palmen vor dem Sonnenuntergang und abends eine Margarita, die grösser war als der Kopf. Acapulco hatte seine grosse Zeit in den Fünfzigern und Sechzigern längst hinter sich — aber die Bucht bei Sonnenuntergang ist immer noch das, wofür alle hergekommen sind.
Und dann die Navidad, Jahr für Jahr — mexikanisch feiert man Weihnachten anders. Der Nacimiento, die Krippe, ist riesig und steht auf öffentlichen Plätzen mit Kakteen statt Tannen. Es gibt Piñatas, die von der Decke hängen und mit verbundenen Augen zerschlagen werden. Es gibt Poinsettien, die hier nicht Weihnachtsstern heissen, sondern Nochebuena, Heiligabend. Und es gibt volle Häuser: Grossmütter auf dem Sofa, Kinder unter dem Baum, Gitarre, viel zu viel Essen und eine Mitternachtsmesse in der Basilika, in der man den Altar nur von weitem sieht. Das sind die Bilder, die von Mexiko am längsten geblieben sind.